„Wir sprechen überhaupt viel zu viel. Wir sollten weniger sprechen und  mehr zeichnen". (Johann Wolfgang von Goethe)

Selbsterfahrung: LebensZeich(n)en 12/2020

Eine Reise in innere Bilderwelten

Alle Erfahrungen unseres Lebens sind in unseren Zellen gespeichert – in Bildern! Bilder sind Brücken zu einer bestehenden oder einer gemachten Erfahrung, die so in unserem Unterbewusstsein verankert werden kann. Alles was wir aufnehmen – auch schon im Mutterleib – wird zu einem Bild in uns. Es ist uns selten bewusst, welche Bilder oder Symbole wir mit welchen Erkenntnissen verknüpft haben, sie nehmen jedoch beständig Einfluss darauf, wie wir uns in unserem Leben fühlen und verhalten.

Unser gesamtes bisheriges Leben existiert als eine Sammlung von Bildern, Zeichen und Symbolen auf einer tiefen, unbewussten Ebene unseres Seins.

Flaring Firewoman

In der Vorbereitung zum Seminar "LebensZeich(n)en konnten wir herausfinden, dass viele unserer inneren Bilder eigentlich übernommen sind bzw. kulturübergreifend bei allen Menschen gleichsam vorhanden sind. Der Schweizer Psychiater und Begründer der Psychoanalyse, Carl Gustav Jung, hat diesen Urbildern und ihren Wirkkräften einen großen Teil seiner Forschungsarbeit gewidmet. So entdeckte er in den Träumen seiner Patienten Motive aus der Alchemie, die seiner Meinung nach aus sich selbst heraus entstehen. Er beobachtete «… typische Formen, die spontan und mehr oder weniger universal, unabhängig von Tradition, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten». Diese seien nicht vererbte Vorstellungen, aber «vererbte instinktive Antriebe und Formen.» Sein Begriff dafür war "Archetypen".

Wavedancer

Ein Archetypus, gr. Arche = Ursprung, bezeichnet eine „Urform“ oder auch ein „Urprägung“ menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster, die im so genannten „kollektiven Unterbewusstsein“, also im Unterbewusstsein aller Menschen, verankert sind. Damit sind kultur- und religionsübergreifende, zentrale Erfahrungen der Menschheit gemeint, wie zum Beispiel die Archetypen der Mutter und des Vaters. Wer sich auf die Spur dieser Urstrukturen, die unser Verhalten und unser Bewusstsein beeinflussen, begeben möchte, der wird fündig in den Mythologien und spirituellen Weltbildern aller Kulturen. Schon in den eiszeitlichen Jäger-Sammler-Kulturen vermutet man das Entstehen von animistischen Religionen. Animistisch bedeutet, der Glaube an die „Allbeseeltheit“ der Natur in ihren vielfältigen Ausdrucksformen.

Der Schluss liegt nahe, dass insbesondere die Phänomene Beachtung fanden, die einen existenziellen Einfluss auf die damals lebenden Menschen hatten. Da sind an erster Stelle sicher die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft, die Ausdrucksformen des Wetters, die für das Überleben wichtigen Pflanzen und Tiere, sowie die Auseinandersetzung mit den Mysterien von Geburt und Tod zu nennen.

Mondwasserfrau

Wir machten uns also auf die Suche nach unserer eignen, individuellen Symbolsprache. Nicht überlieferte Formen wie Kreise, Spiralen, Dreiecke und Kreuze waren gesucht, sondern die persönlichen Spuren und Zeichen unseres Lebens und unserer Erfahrungen. Hierzu ist besonders interessant zu lesen, ein Artikel von Künstler und Dozent Volker Altrichter: "Der Blick nach Innen".

Tief in uns wurden wir fündig: Die Erinnerung an den warmen Sommerregen unserer Kindheit, die Faszination für eine bestimmte Blume, ein stummer Gruß an einen Baum am Wegesrand, der kleine Vogel, der jeden Morgen vor unserem Fenster den Tag willkommen heißt, die Angst vor Spinnen, die Furcht vor dem tiefen dunklen Wasser, das Herzklopfen wenn ein Gewitter aufzieht…..wir sind Teil unserer Umwelt und sie ist in uns. Sie durchdringt unser Bewusstsein und unser Unterbewusstsein – nur sind wir meist viel zu beschäftigt damit dies zu bemerken.

Dragonfly

In Kontakt kommen wir damit, wenn unsere Ratio nicht involviert ist – zum Beispiel durch die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser inneren Formenwelt. Wenn die Farbe fließt….wenn die Feder über das Papier tanzt…wenn wir selbstvergessen einfach nur sind…. Dann bringen wir die Erfahrungs-Geschenke unseres Lebens kraftvoll mit Farbe und Papier zum Ausdruck und feiern sie so auf eine ganz besondere Weise.

Magic Mirror

Das Ergebnis verändert unseren Blickwinkel, lässt Unsichtbares sichtbar werden. Birgt so manche Überraschung. Eine Reise in die Tiefen unserer unbewussten Bilderwelten ermöglicht es uns, aus einer neuen Perspektive die darin enthaltenen Wahrheiten zu erforschen.

LebensZeich(n)en - der Workshop

Nun sollten also unsere inneren Bilder ihren Weg auf das Papier finden - mit selbstgekochten Farben, Tinten und Tuschen aus der Schatzkammer der Natur. Als Malwerkzeuge dienten selbstgeschnittene Bambusfedern, aus Gräsern zusammengebundene Pinsel oder auch nur angespitzte Stöcke, die Fundstücke vom letzten Waldspaziergang.

Farben

Das artefact-Atelier in der Graurheindorfer Strasse wurde kurzerhand zur Hexenküche, die nicht nur das Auge sondern auch die Nase erfreute. So verbreitete das rote Sandelholz zuerst seinen warmen, exotischen Duft bevor es dann die vorbereiteten Papiere in einem zarten Rosaton färbte. Ein sinnliches Erleben auf allen Ebenen! Der Tage zuvor gesammelte wilde Oregano von den Wegesrändern der Rheinhöhen, überraschte uns nach Zugabe von etwas Alaun mit einem leuchtenden Grünton. Die anderen traditionellen Färberpflanzen wie Krapp, Blauholz und Färberwau beschenkten uns mit einer wohltuend erdigen Farbpalette. 

Rohstoffe

Der Weg vom Bereiten des Untergrundes, über das Herstellen des Ausdrucksmittels bis hin zur Manifestation von inneren Bildern in der individuellen Formensprache wurde zum meditativen und mystischen Prozess - in Verbindung mit den Kräften der Natur und den ganz persönlichen kreativen Möglichkeiten der Teilnehmerinnen.

Unverzichtbar war hierbei, wie schon in den letzten Jahren, die fachliche und moralische Unterstützung von Künstler und Dozent Volker Altrichter, der die Frauengruppe nun schon zum sechsten Mal in dieser Selbsterfahrungs-Reihe begleitete.

Atelier

Der Workshop brachte nicht nur sinnliches Erleben für Auge und Nase, sondern auch viele neue Ein- und Aussichten, Perspektiven und Blickwinkel, erstaunliche und überraschende Ergebnisse im künstlerischen als auch im persönlichen Ausdruck. 

Seine Fortsetzung findet das FrauenBild 2021 in dem Workshop "WortMalerei", zu dem Sie sich hier informieren und anmelden können.

Die Bilder zeige ich in diesem Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Künstlerinnen - ihnen sind alle Rechte vorbehalten und die Verwendung und Verbreitung dieser Fotos durch Dritte ist nicht erlaubt.